Alarmstufe Rot im Kinderschutz: Münchens Jugendhilfe steht am Limit – Stadtspitze darf nicht länger zusehen
Die Antwort des Sozialreferats auf unsere Anfrage zur Lage im Kinderschutz zeigt in aller Deutlichkeit: Der Kinderschutz in München ist massiv gefährdet. Steigende Fallzahlen, unbesetzte Stellen und fehlende Hilfsangebote bringen die Fachkräfte in den Sozialbürgerhäusern an die Grenzen ihrer Belastbarkeit – und gefährden das Wohl von Kindern und Jugendlichen in dieser Stadt.
Die Stadtspitze hält an dem Einstellungsstopp fest, doch der Kinderschutz ist ein gesetzlich verpflichtender Bereich!
Fraktionsvorsitzender Stefan Jagel (Die Linke) kommentiert dazu: „Die Jugendhilfe geht schon seit Jahren auf dem Zahnfleisch. Jetzt behauptet das Sozialreferat, Entlastung mit bestehenden Stellen schaffen zu können. Kinderschutz darf nicht der Haushaltsdisziplin geopfert werden. Wenn das Sozialreferat selbst feststellt, dass 50 % aller gemeldeten Fälle tatsächliche Gefährdungen oder Hilfebedarfe betreffen, dann ist es höchste Zeit, zu handeln!“
Ebenso besorgniserregend wie die dramatische Situation im Kinderschutz: Das Sozialreferat kann nicht einmal sagen, in wie vielen Fällen notwendige Jugendhilfemaßnahmen oder psychiatrische Unterstützungsangebote nicht umgesetzt werden konnten. Fehlende statistische Erfassung bedeutet in der Praxis: fehlende Transparenz, fehlende Steuerung und letztlich fehlender Schutz für Kinder.
Das Sozialreferat plant jetzt eine zentrale, befristete Unterstützungs- und Beratungsstelle. Diese soll aber mit vorhandenen Beschäftigten besetzt werden.
Fraktionsvorsitzender Stefan Jagel (Die Linke) abschließend: “Durch den Abzug der Kolleg*innen wird die Belastung des verbleibenden Personals in den Sozialbürgerhäusern noch verstärkt. Es braucht eine Zuschaltung und Entlastung der Kolleg*innen und kein Hin-und-Her-Geschiebe.“
Kernaussagen der Antwort und die Forderungen der Fraktion sind auf Seite zwei zusammengefasst:
Kernaussagen der Antwort:
- Die Zahl der Gefährdungseinschätzungen nach § 8a SGB VIII ist von / 2020-2024 um 13% gestiegen 2022 bis 2024 um etwa 20 % gestiegen; die Zahl der Inobhutnahmen nach § 42 SGB VIII sogar um mehr als 120 % (von 421 auf 925 Fälle).
-Etwa 50 % der gemeldeten Fälle weisen eine tatsächliche Kindeswohlgefährdung oder einen Hilfebedarf auf.
- Datenlücken bestehen, weil die Bundesstatistik seit 2023 teilweise ausgesetzt ist – Begründung: Überlastung und Priorisierung des Kinderschutzes.
- In vielen Fällen fehlen geeignete Jugendhilfemaßnahmen oder eine statistische Erfassung dieser Lücken.
- Es gibt keine klaren Zahlen zu Fällen, in denen psychiatrische oder SGB IX/XII-Maßnahmen nicht umgesetzt werden konnten.
- Personalmangel: In der Bezirkssozialarbeit (BSA 0–59) sind 17 % der Stellen unbesetzt, in der Wohnungslosenhilfe sogar 31 %. *
- Der Stellenstopp des Personalreferats erlaubt Nachbesetzungen nur bei Quoten unter 80 %. *
- Die Fluktuationsrate liegt bei bis zu ca. 22 % (2023) in der BSA.
- Das Sozialreferat arbeitet an einem Personalbemessungsinstrument, um Arbeitsbelastung besser darzustellen, aber konkrete Entlastungsmaßnahmen fehlen weitgehend.
- Das Referat betont, der Kinderschutz müsse auch bei Personalknappheit gewährleistet bleiben; organisatorische Entlastungsmaßnahmen seien in Arbeit.
* Wichtig bei diesen Zahlen ist: Es handelt sich bei den Angaben dazu, wie viel Prozent der Stellen besetzt sind, um „Bruttozahlen“. Das bedeutet, die Stellen sind offiziell besetzt, schließen aber Kolleg*innen, die in Elternzeit, im Sabbatical oder langfristig erkrankt sind, mit ein. Das führt zu einer deutlich verfälschten Darstellung
Unsere Forderungen:
- Sofortige Aufhebung des Einstellungsstopps in der Bezirkssozialarbeit 0-59 aufgrund der hoheitlichen Aufgaben Kinderschutz und Mitwirkung in familiengerichtlichen Verfahren analog der Regelung für Feuerwehr, Lehr- und Erziehungsdienst
- Sofortige Anhebung des Einstellungsstopps auf eine Besetzungsquote auf mind. 90% für den gesamten Bereich der Kinder- und Jugendhilfe.
- Verbindliche Personalbemessung mit klaren Standards für Fallzahlen pro Sozialarbeiter*in.
- Mehr Transparenz und statistische Erfassung zu fehlenden Maßnahmen und überlasteten Diensten.
- Effiziente Prozessoptimierung und dauerhafte Aufgabenkritik in Dokumentations- und Verwaltungsabläufen, Abschaffung redundanter Bürokratie
- Politische Priorisierung des Kinderschutzes – vor wirtschaftlicher oder organisatorischer Sparlogik.
Hier geht's zur Anfrage und der Antwort im RatsInformationsSystem: https://risi.muenchen.de/risi/antrag/detail/9021247

